Einfach genial – Startwagen für Großsegler und Impeller-Jets

von mario • 15.12.2008 • Kategorie: Technik
• Ausgabe 01/2009

Große Elektrosegler oder Impeller-Jets so einfach und sicher wie ein Motorflugzeug mit Fahrwerk zu starten, ist der Traum vieler Modellpiloten. Der hier getestete Start­wagen macht’s möglich. Starthelfer mit Speerwurf­quali­täten, Gummiflitschen und alle sonstigen Starthilfen werden durch ihn völlig überflüssig.



Der Bausatz besteht aus sechs CNC-gefrästen Holzteilen, zwei Radachsen, diversen Kleinteilen und vier Speicherädern

Stabile Befestigungselemente und leichtgängige Radlagerung mit Aluminiumhülse

Die Radlagerung

Der komplett zusammengebaute Wagen

Die vier Speichenräder lassen sich montieren und demontieren. Einfach auf die Drahtschlaufe in der Radnabe drücken – fertig

1. Schritt: Elektrosegler auf den Startwagen legen und parallel zur Landebahn ausrichten

2. Schritt: Sender umhängen und Vollgas geben

3. Schritt: Anrollen und nach wenigen Metern abheben – so problemlos und sicher, als hätte der große Elektrosegler mit 5.000 Millimeter Spannweite ein eingebautes Fahrwerk

Dank Startwagen ist der Bodenstart großer Elektrosegler so einfach wie bei Motormodellen mit Fahrwerk. Hier ein Tangent Vortex XXL mit 5.000 Millimeter Spannweite und 6,5 Kilogramm Gewicht


Hand aufs Herz – einen Elektrosegler mit mehr als 4 Meter Spannweite und über 5Kilogramm Fluggewicht per Handstart in die Luft zu befördern, ist für die meisten Modellpiloten ganz schön riskant. Das Fluggerät mit eingeschaltetem Motor über den Kopf halten, wie ein olympischer Speerwerfer losrennen und dann das Modell kräftig und möglichst gerade anschubsen, das ist nicht jedermanns Sache. Vor allem dann, wenn der Sender während des Sprints auf dem Bauch baumelt und die ausgezogene Senderantenne gefährlich nahe vor der Flügelnase hin und her peitscht. Da kann es leicht passieren, dass der Segler nach der Freigabe durchsackt oder mangels Fahrt seitlich ausbricht. Bis man beide Hände an den Knüppeln hat und eingreifen kann, ist es oft schon zu spät. Was dann geschieht, kann sich jeder leicht ausmalen.

Theorie und Praxis
Eigentlich müsste sich mit einem Startwagen das leidige Startproblem bei großen, gewichtigen und dickbauchigen Elektroseglern leicht meistern lassen. Einfach einen fahrbaren Untersatz bauen, der nach dem Start des Elektroseglers am Boden bleibt – fertig! Doch die Praxis sieht leider ganz anders aus. Bereits vor mehreren Jahren habe ich diverse Starthilfen für Elektrosegler ab 3 Meter Spannweite konstruiert und nach einer Weile entmutigt aufgegeben. Geringste Unebenheiten in der Rasenpiste zogen die fahrbaren Untersätze wie ein Magnet an.

Nach dem Überqueren eines oder mehrerer Mauslöcher drehten die selbst gebastelten Fahrgestelle Pirouetten wie ein Eiskunstläufer und warfen den Reiter wie eine störrische Stute ab. Zwar hielten Startwagen mit vier Rädern ganz gut die Spur, jedoch kippte das dreirädrige Pendant bereits bei geringem Seitenwind um. Auch lenkbare Fahrgestelle mit eigenem Emp­fänger und Servo waren nicht der Hit. Wenn sie dringend gebraucht wurden, war meist die Empfängerstromversorgung leer. Summa summarum war ein Handstart weniger nervig, als den Elektroflieger mit einem fahrbaren Untersatz in die Luft zu befördern.

Videos
Durch Zufall entdeckte ich bei RCMovie.de zwei kurze Videos über einen Startwagen. Im ersten Film wurde ein Fox mit 4 Meter Spannweite und 8,5 Kilogramm Lebendgewicht mit einem sonderbaren Fahrgestell, das eher an einen Kinderwagen erinnert, sicher in die Luft befördert. Der Elektro-Kunst­flugsegler war mit einem 10s-LiPo-Akku sowie einem AXi 4130/20 gut motorisiert und hob bereits nach wenigen Metern Rollstrecke problemlos ab. Unglaublich, wie ruhig und schnell der Startwagen auf einer normal gepflegten Graspiste rollte.

Im zweiten Video wurde abermals ein großer Brummer auf den Startwagen gelegt: Ein Tangent Nimbus 4 mit satten 6 Meter Spannweite und 10 Kilogramm Gewicht. Ein Hacker C50XL 6,7:1 setzt eine Freudenthaler Klappluftschraube (20 x 13 Zoll) in Rotation, der Strom kommt aus einem 8s-LiPo mit 4.100 Milliamperestunden Kapazität. Auch dieses Gespann bewegte sich rasant, völlig ruhig und ohne Ausbrechtendenzen über die Grasnarbe. Wer’s nicht glaubt, sollte sich die Videos auf RCMovie unbedingt anschauen. Am einfachsten findet man sie über den Suchbegriff „Startwagen“. Da im Vorspann der Videos die E-Mail-Adresse des Herstellers angegeben war, wurde ein Bausatz des Startwagens geordert.

Bausatz und Montage
Der Bausatz besteht aus zwei Seitenteilen und vier Auflagen aus 8 Millimeter dickem Pappel­sperrholz. Alle Holzteile sind sauber CNC-gefräst und entsprechend passgenau. Als Metallteile sind zwei sehr stabile und verzinkte Stahlachsen sowie acht M10-Muttern mit genau so vielen Unterlegscheiben beigepackt. Die stabilen Speichenräder mit Vollgummibereifung laufen fast ohne Friktion auf jedem Untergrund. Auch eine einseitige Montageanleitung liegt bei, die den einfachen Zusammenbau prima erklärt. Auf Kundenwunsch sind sogar andere Abmessungen des Startwagens gegen Aufpreis möglich. Optional wird vom Hersteller auch eine fertig zusammengebaute und lackierte Version angeboten, die Feuchtigkeit und Regen aushält.

Zuerst klebt man die Auflagen mit Holzleim links und rechts auf die beiden Seitenteile und fixiert sie mit Klammern. Weißleim – wie etwa Ponal express – eignet sich gut für solche Verkle­bungen. Während der Holzkleber trocknet, kommt der mitgelieferte Gummistreifen an die Reihe, der später den Segler rutschfest auf dem Startwagen halten soll. Mit grobem Schmirgel­papier (Körnung 40 oder 60) ist die Klebeseite des Gummis schnell angeraut. Anschließend wird die etwa einen Meter lange Gummiauflage in zwei gleich lange Teile getrennt und mit Pattex classic auf die Auflagen beziehungsweise die Seitenteile geklebt. Es ist Unbedingt darauf zu achten, dass die Klebstellen absolut staub- und fettfrei sind. Dabei muss Pattex beidseitig dünn und gleichmäßig aufgetragen werden – am besten zieht man einen Latex-Handschuh an und verstreicht die Leimraupen mit dem Zeigefinger. Nacht etwa 15 Minuten wird das Gummi auf dem Holz sauber ausgerichtet und fest gepresst. Für die Festigkeit der Klebeverbindung ist allein der Pressdruck verantwortlich und nicht etwa die Presszeit oder gar die aufgetragene Leimmenge.

Im nächsten Schritt wird auf die vier inneren Achsenden je eine Mutter geschraubt, dann kommt eine Unterlegscheibe drauf. Anschließ­end schiebt man die beiden Seitenteile auf die Achsen und befestigt diese abermals mittels Unterlegscheibe und Mutter. Schon steht der Startwagen fertig aber noch ohne Räder vor uns.

Nun schiebt man die vier mitgelieferten Speichenräder auf die Radachsen, dabei rasten die Radnaben in die Nut am äußeren Achsende ein. Zur Demontage der Räder drückt man einfach auf die Drahtschlaufe, die aus der Radnabe herausguckt. Auf diese Weise lassen sich die Räder ohne Spezialwerkzeug montieren sowie demontieren und der Startwagen kann trotz voluminöser Bereifung platzsparend in jedem Pkw transportiert werden.

Einsatzspektrum
Der hier getestete Startwagen hat ein sehr breites Einsatzspektrum. Er eignet sich nicht nur als Starthilfe für Elektrosegler, sondern auch für den F-Schlepp. Soll beispielsweise mit einem schwach motorisierten Schleppflugzeug ein schwerer Segler ohne Einziehfahrwerk nach oben befördert werden, dauert es in der Regel recht lange, bis das Gespann auf Touren kommt. Wird der Segler hingegen auf den Schleppwagen gelegt, vermindert sich die Reibung beim Anrollen erheblich und beide Flugzeuge heben schnell ab – lange bevor die Startbahn zu Ende ist.

Selbst zur Gummiflitsche ist der Startwagen eine echte Alternative, wenn beispielsweise ein größerer Impeller-Jet beim Startvorgang in kürzester Zeit beschleunigt werden muss. Auch das Startproblem bei größeren Canard-Flugzeugen mit Klappluftschraube löst sich mit dem Startwagen wie von selbst, weil man sich am hinten angebrachten Propeller beim Abwurf nicht mehr verletzen kann. In der Regel kann man sogar auf das stelzenlange und gewichtige Dreibein-Fahrwerk bei dieser eigenwilligen Flugzeugart ganz verzichten, denn eine Landekufe tut es auch – ganz zu schweigen von der Gewichtseinsparung und den aerodynamischen Vorteilen.

Übermotorisierte leichtgewichtige „Platten­flieger“ wie etwa Depron-Jets mit Kreuzrumpf mit dem Startwagen in die Luft zu befördern, hieße mit Kanonkugeln auf Spatzen zu schießen. Ursprünglich wurde der fahrbare Unter­satz für gut motorisierte Elektrosegler ab etwa 3.000 Millimeter Spannweite entwickelt. Damit der Startwagen als echte Starthilfe seinen Verwen­dungszweck erfüllen kann, sind ein paar Regeln zu beachten: Etwa 100 Watt Motorleistung sollte man pro Kilogramm Seglergewicht kalkulieren. Das heißt, wiegt der Elektrosegler etwa 5 Kilogramm, sollte die Eingangsleistung des Elektroantriebs mindestens bei etwa 500 Watt liegen. Je mehr Motorleistung, desto kürzer die Rollstrecke und desto schneller ist der Elektro­flieger in der Luft. Unter dieser Voraussetzung kann man jeden Elektrosegler bis etwa 9 Meter Spann­weite von einer Graspiste sicher und problemlos in die Luft befördern.

Scale-Segler
Einen Scale-Großsegler per F-Schlepp zu starten ist die einfachste und sicherste Sache der Welt – vorausgesetzt, es steht ein erfahrener Pilot mit seiner funktionierenden Schleppmaschine bereit. Springt der Motor nicht an oder ist mal wieder der Zündakku leer, dann ist ein sonniger Flugnachmittag mit Super-Thermik schnell versaut. Um gegen solche Widrigkeiten gefeit zu sein, bauen immer mehr Seglerpiloten einen Elektroantrieb mit Klappluftschraube in die Rumpfnase ein – auch wenn sie so manchen wunderschönen Scale-Segler durch den Umbau verschandeln: Schließlich muss die Rumpfspitze abgesägt und durch einen Spinner ersetzt
werden, der mit der Rumpfkontur nichts gemeinsam hat.

Weil für echte Scale-Piloten eine solche Ver­stümmelung des Fluggeräts nicht infrage kommt, bauen sie teure Klapptriebwerke ein, die während des Flugs unsichtbar im Rumpf verschwinden und deshalb keine aerodynamischen Nachteile haben. Klapptriebwerke haben jedoch gegenüber dem Antriebseinbau in der Rumpf­nase einige entscheidende Nachteile: Der große Ausschnitt im Rumpfrücken für den Trieb­werk­sarm samt Propeller schwächt die Rumpfstruk­tur. Deshalb sind meist zusätzliche Verstärkungen einzubauen, die leider mehr Gewicht mit sich bringen. Auch die Klapptriebwerksmechanik samt Elek­tronik, das Power-Servo, das den Schwenk­arm ausfährt und der meist zusätzlich erfor­derliche Akku treiben das Gewicht des Scale-Fliegers schnell nach oben und schmälern dadurch
die Flugleistung.

Zudem sind Klapptriebwerke sündhaft teuer, für so manches Exemplar mit einem 1.000-Watt-Brushlessmotor muss man etwa 1.000,– Euro und mehr hinblättern. Daher verunstalten viele Modellflugsportler lieber den Seglerrumpf ein bisschen, bauen einen leichten und preisgünstigen Brushlessmotor mit Klappluftschraube in die Seglernase und befördere die dicksten Großsegler mit dem Startwagen von jeder Rasenpiste sicher in die Luft. Echte Scale-Piloten mögen diese Untugend verzeihen.